"Testo e Ritmi": Deutscher Italianistentag 2010 in Regensburg
Regensburg, 4.-6. März 2010
I.
Rhythmus ist, so Platon, Ordnung in der Zeit. Rhythmus ist das Resultat unserer Fähigkeit, strukturierte Gestalten im linearen zeitlichen Verlauf zu produzieren und sie wahrzunehmen. Ausgehend von der Beobachtung, dass diese Fähigkeit auf allen Strukturierungsebenen der sprachlichen Kommunikation zum Tragen kommt, verfolgt der Regensburger Italianistentag 2010 das Ziel, Formen und Funktionsweisen von Rhythmus in der italienischen Sprache und Literatur zu untersuchen.
II.
Sprachrhythmus ist etwas Alltägliches. Kommunikation jedweder Art kann nur erfolgreich sein, wenn sie in zeitlich strukturierter Weise erfolgt. Strukturiert kann im Sinne der traditionellen Rhythmusforschung heißen, dass Kommunikation durch Formgebung im Sinne von Periodizität, Takt, regelmäßiger Wiederkehr des Gleichen geprägt ist. Die moderne Rhythmusforschung ist jedoch über diese enge Begriffsfassung hinausgegangen. Rhythmus wird nunmehr seiner Etymologie entsprechend auf alle sprachlichen Kontexte bezogen, in denen es um eine momentane, vorübergehende Gestaltgebung von Fließendem geht. Für das Verständnis von Rhythmus ist damit das Moment des Kontrastes grundlegend. Der Kontrast zwischen Bewegung und ihrer zeitweiligen Arretierung, zwischen betonten und unbetonten Elementen, zwischen informativ starken und schwachen, bekannten und unbekannten, gewohnten und ungewohnten Inhaltsmomenten prägt den zeitlichen Verlauf und ermöglicht eine darauf aufbauende Synthese von Sukzessivgestalten, von Gestalten, deren Qualität sich gegen die Flüchtigkeit der Zeit behaupten muss.
Rhythmus kann in diesem Sinn als ein omnipräsentes sprachliches Phänomen verstanden werden, das sich nicht nur auf der Ebene des signifiant in der prosodischen Gestalt der Lautsprache manifestiert. Auch Interpunktion, Metaphorik, Erzählsituationen, Erzähltempo sowie natürlich das Metrum rhythmisieren den Text, gliedern ihn und stellen so überdies historische Signale seiner Poetizität bereit. Nicht von ungefähr ist bei Dante der Rhythmus in Gestalt der „musica“ wesentliches Element der Dichtung als „fictio rhetorica musicaque poita“.
III.
Ein großer Gewinn dieses weiten Verständnisses von Rhythmus ist, dass es die traditionelle Dichotomie von Form und Inhalt hinter sich lässt und neue Perspektiven auf semantische Aspekte des Rhythmus eröffnet. Als sinngebende Elemente stehen die rhythmischen Gestaltungen in unmittelbarer Korrelation mit anderen Sprachphänomenen, die im Text am Aufbau von Sinn teilhaben. „Testo e ritmi“ – dieser Zusammenhang zwischen den rhythmischen Gestaltungen und der Bedeutungskonstitution im kommunikativen Geschehen kann nunmehr, ausgehend von dem neuen erweiterten Verständnis, in all seinen Facetten ausgelotet werden. Die weite Begriffsfassung ermöglicht es darüber hinaus, zu einem gestaffelten Verständnis von Rhythmus, gewissermaßen zu seiner Pluralisierung, zu gelangen. Im grundlegenden anthropologischen Befund der Notwendigkeit rhythmischer Strukturierung in der zeitlichen Linearität der Sprache finden sich die jeweiligen Fragestellungen gebündelt. Es wäre jedoch verfehlt, wenn die Heterogenität der unterschiedlichen „ritmi“ zu begrifflichen Unschärfen führte. Die Leistung des poetisch überformenden Metrum ist eine grundsätzlich andere als die rhythmische Synchronisierung der Interaktionspartner in der spontanen Alltagskommunikation, auch wenn beide Phänomene im Konzept der Eurhythmie ihre letztendliche Begründung finden mögen. Gerade der Abgleich der verschieden Facetten des Rhythmus sollte zu einer präziseren Bestimmung dessen führen, was jeweils gemeinsam, was aber auch jeweils verschieden ist.
IV.
Vor diesem Hintergrund soll sich der Regensburger Italianistentag den vielfältigen Aspekten des Zusammenspiels von „testo“ und „ritmi“ zuwenden. In der sprachwissenschaftliche Sektion sollte die Themenstellung daraufhin fokussiert sein, in wiefern eine Erweiterung des in der Prosodie verankerten Konzepts der rhythmisierten Strukturbildung auf andere sprachliche Ebenen sinnvoll ist und welche begrifflichen Präzisierungen durch diese Ausweitung ermöglicht bzw. eingefordert werden. Für die literaturwissenschaftliche Sektion ist vor allem an Fragestellungen zu denken, die zum einen die explizite Thematisierung von Rhythmus, Rhythmisierung und ihren konkreten Diskursen und Praktiken in und durch Texte in den Blick nehmen. Zum anderen geraten „ritmo“ und „ritmi“ als explizite wie implizite Poetizitätsmerkmale und Gliederungskriterien in den Blick, insbesondere (aber durchaus nicht nur) von lyrischen Texte, die sich seit Beginn der italienischen Dichtung immer wieder auf die rhythmisch-musikalischen Praktiken des Singens und Tanzens (Canzone, Ballata) bezogen haben. Für die didaktische Sektion erwarten wir Unterrichtskonzepte, die sich mit der Bedeutung von „testo“ und „ritmi“ für die deutschen und italienischen Jugendlichen befassen. Vorstellbar sind hier Beiträge zur Textarbeit, aber auch zum Einsatz von Lyrik, Film oder Canzoni im Unterricht .
V.
Wie bereits beim Marburger Italianistentag 2008 wird es außerdem unser Ziel sein, in einer Reihe von Plenumsveranstaltungen gemeinsame Probleme innerhalb des universitären bzw. schulischen Kontextes zu diskutieren. Den Berufsverbänden kommt in der gegenwärtigen Phase der beschleunigten Reformen die Aufgabe zu, Möglichkeiten des Erfahrungsaustausches bereitzustellen und das Sichten und Bewerten der universitären und schulischen Entwicklungen zu veranlassen. Anders ist unser gemeinsames Anliegen, die Förderung des Italienischen in den unterschiedlichen Arbeitsfeldern, nicht zu gewährleisten.
VI.
Vor dem Hintergrund der skizzierten Thematik „Testo e ritmi“ bittet der Vorstand die Mitglieder des Verbandes, Vorschläge für 30minütige Vorträge in den genannten Sektionen einzureichen. Folgende Aspekte mögen dabei als Anregungen für die Ausarbeitung eigener Themen dienen:
A. Sprachwissenschaft
1. Prosodie
- Diskussion aktueller Rhythmustheorien
- Rhythmus: Prominenz oder Zeit?
- Rhythmus und Sprachtypologie
- Rhythmus im Spracherwerb
2. Syntax
- Rhythmus als kognitive Basis von Sachverhaltswahrnehmungen
- Thematische Gliederung als Rhythmisierung des Satzes
- Rhythmus der Signifikanten (Behagels Gesetz der wachsenden Glieder)
- rhythmisch basierte syntaktische Phänomene (Tobler-Mussafia-Gesetz)
3. Text
- „information flow“ als Rhythmisierung des Textes
- eurhythmische Aspekte der Textgestaltung
- Rhythmus in der konversationellen Interaktion
B. Literaturwissenschaft
1. Rhythmus als Element der poetologischen Reflexion
- Musik und Rhythmus als Gegenstand literarischen Schreibens
- Form als Harmonie: Zur Metaphorik von Tanz und Gesang in der italienischen Literatur
- Maschinenrhythmen: Beschleunigung, Entgrenzung und Moderne
2. Rhythmus und poetischer Text
- ritmo , ritmi als Poetizitätsmerkmale lyrischer und nicht-lyrischer Texte
- Rhythmus und Gattung: Traditionen rhythmisch-metrischer Gestaltung
- verso libero , poème en prose : Sprachrhythmus in der Moderne
3. Formen von Rhythmus in dramatischen und narrativen Texten
- Rhythmus der histoire : Handlungssequenzen, Motivsequenzen, Figurenregie als rhythmisierende Inhaltselemente
- Rhythmus des discours : Erzählen und Beschreiben, Perspektivenwechsel, Fokalisierungsstrategien als Gliederungselemente
C. Didaktik
1. Rhythmus als Inhaltselement von Texten
- Musik und Text: Canzoni im Italienischunterricht
- Rhythmus und Text: Zum italienischen Rap
- Lyrik und Italienischunterricht
- Rhythmus als Ausdruck von positiven und negativen Gefühlen
2. Grammatik und Semantik
- Themenspezifischer Wortschatz: Rhythmus und Musik im Italienischen
- Jugendsprache: rhythmische Gestaltungsverfahren in Sprache und Text
- Textsorten als rhythmische Strukturierung der Kommunikation
3.Rhythmus und Rhythmisierung des Unterrichts
- Rhythmisierung des Alltags und des Unterrichts als didaktisches Konzept
- Rollenspiele
- kreative Schreibprojekte (Vertonung von geschriebenen Texten, Inszenierung von Texten)
Die Vorschläge sollen in Form von circa 30-zeiligen aussagekräftigen Abstracts bis zum 15. Mai , wenn möglich als E-Mail-Attachment, eingereicht werden an: maria.selig(at)sprachlit.uni-regensburg.de